Warum mein Segeltraum nach St. Martin vor Bonaire endete

 

Ein Plan, der auf dem Papier funktionierte

Die letzten Wochen waren intensiv. Lehrreich. Und eine klare Erinnerung daran, dass auf See nicht der Plan entscheidet – sondern das Meer.

Mein Ziel war klar: Von Curaçao aus nach St. Martin segeln. Ein anspruchsvoller, aber machbarer Schlag für einen Einhandsegler. Zumindest theoretisch.

Das Schiff war vorbereitet. Proviant an Bord, das Unterwasserschiff frisch gereinigt für maximale Performance. Der Motor bekam seine Aufmerksamkeit: Ölwechsel, Kontrolle aller potenziellen Schwachstellen, Keilriemen nachgespannt. Alles, was ich beeinflussen konnte, war erledigt.

Die Wettervorhersagen waren nicht perfekt, aber akzeptabel. Kein ideales Fenster, kein Geschenk – doch ausreichend, um es zu versuchen.

7. Dezember – Ablegen

Am Morgen des 7. Dezember prüfte ich ein letztes Mal die Prognosen für die kommenden fünf Tage. Nichts deutete auf größere Überraschungen hin.

Ich lichtete den Anker, machte an der Tankstelle fest und füllte Diesel, Kanister und Wassertanks bis zum Maximum. Wasser bedeutet Freiheit, Diesel bedeutet Sicherheit.

Danach ging es zum Pier beim Sandals Hotel, wo nebenan Zoll und Immigration untergebracht sind. Routine. Eigentlich.

Das erste ungute Gefühl

Noch auf dem Weg zum Pier begann die alte Steuereinheit meines Autopiloten plötzlich zu piepen. Kein Ausfall, aber ein penetranter Alarm.
Ein leiser Gedanke schob sich in den Vordergrund: Das fängt ja gut an.

Am Pier startete ich die gesamte Elektronik neu. Erst Ruhe. Dann wieder Alarm. Da dieses alte Bedienteil ohnehin nicht mehr aktiv genutzt wurde, zog ich die Kabel ab, schloss den Stromkreis sauber und testete erneut. Stille.

Problem gelöst – zumindest für den Moment.

SY Anima in spanish water
segeln in der karibik SY Anima

Kurs St. Martin

Der Wind lag noch bei etwa 25 Knoten, sollte sich laut Vorhersage aber bald beruhigen und für mehrere Tage bei angenehmen 15 bis 17 Knoten einpendeln. Zusätzlich war eine leichte Drehung nach Südost angekündigt – untypisch für die Region, aber genau das, was man braucht, um von Curaçao nach Norden zu kommen.

Ich klarierte aus. Zehn Minuten später legte ich ab.
Kurs: St. Martin.

 


 

Der Ostpunkt von Curaçao

Wie so oft zeigte sich der Ostpunkt der Insel von seiner rauen Seite. Verwirbelte Strömungen, kurze, steile Wellen, unruhige See. Kein Drama, nur unangenehm.

Doch danach wurde es ruhiger. Der Wind ließ tatsächlich etwas nach. Ich passte den Segeltrimm an, stellte den Kurs auf den Nordzipfel von Bonaire und schaltete den Motor aus. Endlich segelte die Anima wieder ruhig und stabil. Der Autopilot hielt den Kurs, und ich beobachtete Meer, Himmel und Instrumente.

 


 

Nacht auf See

Der Sonnenuntergang war spektakulär. Kurz darauf verschluckte die Nacht das letzte Licht. Kein Mond, in der Ferne ein nur paar Lichter von Bonaire, Dunkelheit und ein Sternenhimmel, der fast unwirklich wirkte.

Ein Moment, in dem alles richtig schien.

Wenn der Wind nicht mehr mitspielt

Je näher ich Bonaire kam, desto deutlicher wurde: Der Wind hielt sich nicht an den Plan.

Aus den angekündigten 17 Knoten wurden erst 25, dann über 30 – konstant. Böen bis 35 Knoten. Die Wellen bauten sich schnell auf, die See wurde schwer und steil.

Hinzu kam die Strömung. Östlich von Bonaire wird sie umgelenkt, abgeschattet – doch an der Nordspitze trifft sie einen mit voller Kraft.
Wind direkt aus Ost. Strömung gegenan. Wellen um zweieinhalb Meter.

Alles gleichzeitig.

 


Der Kurs zerfällt

Der Versatz wurde immer größer. Mein tatsächlicher Kurs über Grund zeigte längst nicht mehr Richtung St. Martin, sondern immer weiter nach Norden – Richtung Puerto Rico.

Die Britischen Jungferninseln wären noch akzeptabel gewesen. Puerto Rico jedoch nicht. US-Territorium, kein Visum, keine Option.

Während ich rechnete, überlegte, neu plante, liefen die Wellen nun regelmäßig über den Bug.

regen auf Curacao karibik wetter
Sonnenuntergang in Curacao segeln in der karibik

Erste Nacht, erste Schäden

Mit den überkommenden Wellen begann sich mein Anker zu bewegen. Trotz guter Verzurrung – offenbar nicht gut genug für diese Bedingungen.

Dann kam der Moment:
Mit einer Welle löste sich der Anker ein Stück weiter und räumte meine Navigationslichter ab. Kein lauter Knall. Nur ein dumpfer Stoß.

Erste Nacht. Erste Schäden. Keine Beleuchtung.

Spätestens da war klar: Das hier entwickelt sich in die falsche Richtung.

 


 

Die Entscheidung

Das Wetter entsprach nicht den Vorhersagen. Der Kurs driftete massiv ab. Die ersten Defekte waren da – und ich war allein.

Ich beschloss umzudrehen und Bonaire anzulaufen. Schlaf. Abstand. Klarer Kopf.

Eine Entscheidung, die sich später als goldrichtig herausstellen sollte.

Ankunft in Bonaire

Gegen zwei Uhr morgens machte ich an einer Boje fest und fiel erschöpft in die Koje.

Am Morgen weckte mich der Wind. Konstant über 25 Knoten. Stabil aus Ost. Ein Blick auf die Wettermodelle bestätigte es: Die Passatwinde hatten sich wieder vollständig etabliert – kräftig, gleichmäßig, kompromisslos.


Realität der Passatwinde

Die Saison in der Ostkaribik ist eigentlich perfekt.
Doch von Curaçao aus dorthin zu segeln, ist unter diesen Bedingungen unrealistisch. Mit stabilen Passatwinden aus Ost bis Nordost segelt man permanent gegen Wind und Strömung.

Das Meer lässt sich nicht überlisten – nur respektieren.


Rückkehr nach Curaçao

Auf Bonaire zu bleiben war keine Option. Ankern ist dort verboten, Bojen kosten über 30 Dollar pro Nacht.

Ich setzte Kurs zurück nach Curaçao. Mit 25 Knoten Wind von achtern flog die Anima förmlich nach Hause. Sechs Stunden später lag ich wieder in der Spanish Water Bucht.

Paul auf SY Anima in Spanish Water
Segeln in Curacao von spanish water nach piscadera

Eine wichtige Erkenntnis

Diese kurze Reise hatte mir noch etwas anderes deutlich gezeigt: Meine Batteriekapazität war zu klein. Zu unsicher.

Als Einhandsegler ist Elektronik keine Bequemlichkeit, sondern Sicherheit. Autopilot, Navigation, Kommunikation – ohne ausreichende Batterie ist man nachts praktisch blind.

Ich entschied mich, auf Curaçao neue Batterien einzubauen und bestellte sie in den USA. Natürlich fiel alles in die Feiertage. Weihnachten. Neujahr. Aus Lieferzeiten wurden Wochen.


Warten, planen, neu ausrichten

Vier Wochen lag ich schließlich vor Anker. Sicher, ruhig, fast idyllisch. Um das Schiff in Bewegung zu halten, segelte ich Anfang Januar spontan in die Piscadera Bucht. Stillstand ist nie gut – weder für das Schiff noch für den Kopf.

Während ich nun auf Batterien und weitere Teile warte, reifen neue Pläne. Die Ostkaribik bleibt ein Traum – nur eben nicht von hier aus.

Wahrscheinlicher ist ein neuer Kurs: Richtung Panama.

Doch das ist eine andere Geschichte.

Fortsetzung folgt im nächsten Artikel – oder auf meinem YouTube-Kanal (auf Englisch).

Paul – SY ANIMA