Manchmal läuft es nicht nach Plan. Und manchmal ist genau das der Anfang einer besseren Geschichte.

Mein letzter Versuch, nach St. Martin zu segeln, war gescheitert. Die Ostkaribik, steuerfreie Zone, günstige Einkaufsmöglichkeiten für Bootszubehör — der Plan hatte sich gut angehört. Doch das Meer hatte andere Vorstellungen, und so fand ich mich wieder zurück auf Curaçao, mit einem Boot, das dringend Aufmerksamkeit brauchte — und einem Kapitän, der umdenken musste.

Das Upgrade, das alles veränderte

Meine Bordbatterien waren am Ende. Nicht “bald ersetzen” — sondern wirklich am Ende. Ich hatte das Problem schon länger vor mir hergeschoben, immer in der Hoffnung, es in St. Martin erledigen zu können. Doch nun war klar: Warten war keine Option mehr.

Ich wollte Lithium. Kein Kompromiss. Lithiumbatterien gelten auf Curaçao als schwer zu bekommen — zumindest hatte man mir das erzählt. Aber ich beschloss, es einfach zu versuchen. Ich bestellte meine Batterien in den USA, packte gleich noch ein paar andere dringend benötigte Teile dazu und wartete.

Und wartete.

Weihnachten kam. Neujahr kam. Sechs Wochen vergingen, bis das Paket endlich auf Curaçao ankam. Aber dann ging alles schnell. Die Batterien waren eingebaut, das System lief — und von diesem Tag an war Stromknappheit an Bord der SV Anima Geschichte.

Aber das war nicht alles. Auch meine Ankerwinsch bekam ihre eigene Batterie spendiert und ist seitdem elektrisch. Klingt nach einer Kleinigkeit — ist es aber nicht. Wer jemals alleine geankert hat, weiß wie viel das bedeutet. Ich kann jetzt am Steuer stehen, das Boot manövrieren und per Fernbedienung den Anker bedienen. Gleichzeitig. Alleine. Das ist kein Luxus — das ist ein Gamechanger.

Der Wind entscheidet

Mit den Upgrades abgeschlossen, stellte sich die nächste Frage: Wohin?

In der Karibik haben die Passatwinde oft mehr zu sagen als die eigenen Pläne. Und die Passatwinde sagten: Panama. In diese Richtung segelt es sich leichter, die Logik war eindeutig. Also wurde Panama zum nächsten Ziel.

Kurz vor meiner geplanten Abreise hatte das Schicksal noch eine kleine Überraschung parat. Ich lief einem alten Bekannten über den Weg — Jurney, jemanden den ich schon länger kannte, aber eine Weile nicht gesehen hatte. Als er von meinem Plan hörte, zögerte er keine Sekunde. Er wäre dabei, wenn ich einen Mitsegler brauchen würde.

Jurney ist kein Anfänger. Er hat ein Fischerboot auf Curaçao — die See ist sein Zuhause. Besser hätte es nicht kommen können.

Wir planten die Route, deckten uns mit Lebensmitteln ein und beobachteten das Wetter. Geduld gehört zum Segeln wie Wind und Wasser. Am 9. März 2026 war es soweit.

SY ANIMA in Spanish Water Curacao
Segeln in der Karibik

Abfahrt — und Curaçao verschwindet im Kielwasser

Der Wind empfing uns mit offenen Armen. SV Anima schoss förmlich aus der Bucht, als hätte sie selbst auf diesen Moment gewartet. Mit einem Schnitt von 7,7 Knoten fraßen wir die Meilen — Aruba tauchte auf, Aruba verschwand wieder. Jurney übernahm die erste Nachtwache, ich verkroch mich in meine Koje und schlief den Schlaf eines Menschen, der endlich wieder unterwegs ist.

Die ersten 200 Meilen vergingen wie im Flug.

Am nächsten Morgen warfen wir die Angel aus. Kurze Zeit später — ein Biss. Ein echter Kampf. Das Boot zog, die Leine spannte sich, die ganze Energie des Moments war spürbar. Und dann: die Leine riss. Fisch weg, Köder weg, ein gutes Stück Leine weg. Das Meer hatte gewonnen. Diesmal.

Die Kolumbianische Küste zeigt die Zähne

Wir segelten weiter, immer mit Abstand zur kolumbianischen Küste. Das ist keine Vorsichtsmaßnahme aus Angst — das ist schlicht Erfahrung. In Küstennähe bauen sich die Wellen stärker auf als auf offener See. Also blieben wir draußen, im tiefen Wasser, und ließen die Küste in sicherer Distanz an uns vorbeiziehen.

Dann kam Santa Marta.

Wer die karibische Küste Kolumbiens kennt, weiß: Die Gewässer um Santa Marta sind kein Spielplatz. Der Wind frischt auf, die Wellen türmen sich. Und genau so trafen wir es an. Vier Meter hohe Wellen. Winde über 35 Knoten. SV Anima kämpfte — und SV Anima hielt stand. Es war kein angenehmes Segeln, es war konzentriertes, ernstes Arbeiten. Jede Wache, jede Stunde zählte.

Wir kämpften uns durch.

Als wir auf Höhe von Cartagena ankamen, hatte das Meer noch ein letztes Wort zu sagen. Drei Wellen, eine nach der anderen, überschlugen sich und krachten direkt ins Cockpit. Kein Schaden, aber eine unmissverständliche Botschaft. Kolumbien verabschiedete sich auf seine eigene Art — mit einem ungebetenen Salzwasserbad.

Sailing into the sunset
chased by waves in the sunrise

Delfine, Flaute und Panama am Horizont

Und dann, fast so plötzlich wie es begonnen hatte, war der Spuk vorbei. Das Meer legte sich. Die Wellen flachten ab. Die Anspannung der letzten Stunden löste sich langsam auf.

Ein paar Meilen später tauchten sie auf: Delfine. Als wären sie geschickt worden, um uns willkommen zu heißen — oder einfach um uns daran zu erinnern, warum wir das alles tun. Die Strapazen der vergangenen Tage fühlten sich plötzlich sehr weit weg an.

Der Wind ließ nach. Unsere flotte Fahrt wurde zu einem gemächlichen Dahindümpeln bei etwa fünf Knoten. Nach den Rauschtagen zuvor fühlte es sich fast an wie Stillstand.

Panama tauchte am Horizont auf — aber der Wind wollte nicht mitspielen. Wir verloren Zeit. Zu viel Zeit. Eine Nachteinfahrt in eine unbekannte Bucht, mit Riffen auf der Strecke und Untiefen im Ankerfeld — das war keine Option. Also taten wir das, was gute Seefahrer tun: Wir passten uns an. Wir reeften die Segel, verlangsamten bewusst und kalkulierten neu, sodass wir bei Sonnenaufgang ankommen würden.

Der Plan funktionierte.

Etappenaufzeichnung Curacao - Panama

Puerto Lindo — Anker fallen lassen

Bei den ersten Sonnenstrahlen lag die Einfahrt von Puerto Lindo vor uns. Wir starteten den Motor — zum ersten Mal seit über 700 Meilen. Die Segel durften endlich ruhen.

Wenige Minuten später fiel der Anker. 725 Seemeilen. 4 Tage und 19 Stunden. Erledigt.

Wir saßen im Cockpit — erschöpft, salzig, glücklich. Die Bucht lag ruhig um uns herum, das Wasser spiegelglatt, als hätte es nie eine stürmische See gegeben. SV Anima hatte uns sicher hergebracht.

Anchorage at Puerto Lindo
Anima in Linton Bay anchorage

Ankommen — und was danach kommt

Erst aufräumen. Dann schlafen. Dann inspizieren.

Jede längere Passage hinterlässt ihre Spuren, und so auch diese. Die Segel haben gut mitgemacht — aber die Genua braucht Aufmerksamkeit. Erste Rissansätze, die so schnell wie möglich repariert und verstärkt werden müssen. Kein Drama, aber dringend.

Das Einklarieren erledigten wir entspannt in Linton Bay — praktischerweise sitzen Hafenmeister, Immigration und Zoll alle nebeneinander. Keine Reisen quer durchs Land, kein Papierchaos. Das Wochenende nutzten wir, um Schlaf nachzuholen und uns zu sortieren.

Die erste Etappe war geschafft.

Im nächsten Artikel geht es weiter — nach Bocas del Toro.

Bleib dran.

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Paul – SY ANIMA

Das Video (in Englisch) zu dieser Passage ist auf YouTube