903 Seemeilen, Lobster für $5 und Abschied unter Palmen
Manchmal ist es nicht der Wind, der entscheidet. Manchmal ist es die Zeit.
725 Seemeilen hatten Jurney und ich inzwischen gemeinsam hinter uns. 6 Tage voller Abenteuer, Salzwasser und unvergesslicher Begegnungen. Und nun stand die nächste Frage im Raum: Wohin geht die Reise von Puerto Lindo aus?
San Blas — schön, aber zu kurz gedacht
Die Verlockung war groß. San Blas — das sind Hunderte von kleinen Inselchen, türkisfarbenes Wasser, das Gebiet der Kuna Yala. Wer einmal dort war, schwärmt davon. Wer davon gehört hat, will hin.
Aber Jurney hatte nur noch vier Tage, bevor er zurück nach Curaçao fliegen musste. Und San Blas braucht Zeit — mindestens einen Tag hin, einen Tag zurück. Hätten wir tatsächlich zwei Tage für die Inseln gehabt, aber auch direkt einklarieren müssen: $90 für ein 30-Tage-Cruising-Permit. Wenn man die Zeit gar nicht hat, macht die Rechnung keinen Sinn. Logik gewann über Romantik.
Portobelo und die Gegend um den Panamakanal wären die nächste Option gewesen. Historisch, beeindruckend — aber ich merkte, Jurney hatte Hunger auf Meilen.
Er wollte noch einmal richtig segeln, bevor er die Leinen loswerfen würde.
„Lass uns nach Bocas segeln”, sagte er. „Ich flieg von dort zurück.”
Gesagt, getan.
Theorie trifft Praxis — und der Motor übernimmt
Unsere Kalkulation war eigentlich simpel: rund 22 Stunden, Wind aus der richtigen Richtung, kein großes Drama. Die Theorie war überzeugend. Die Praxis hatte andere Pläne.
Der Wind blieb aus. Nicht weniger als erwartet — er fehlte fast vollständig. Kein Segeln, kein Gleiten durchs Wasser, kein Rauschen im Rigg. Stattdessen: Einige Regenschauer, Motorengeräusch und Dieselgeruch.
Das letzte Drittel der Strecke legte noch die Strömung drauf — gegen uns, wie wir es schon vorher wussten, aber Wissen und Erleben sind zwei verschiedene Dinge. Unter Motor ist man langsamer. Wer den Sprit verblasen will, kann Gas geben. Wer klug segelt, nimmt es gelassen.
Die Überfahrt, 151 Seemeilen, zog sich.
Das Gebiet der Ngäbe-Buglé — Bananen, Duncan und ein unvergessliches Abendessen
Wir beschlossen, nicht gleich bis zur Hauptinsel Isla Colón durchzufahren. Die erste erreichbare Ankerbucht war das Ziel — und so ließ die SV Anima im Gebiet des Indigenen Stammes der Ngäbe-Buglé ihren Anker fallen.
Es dauerte keine fünf Minuten.
Ein Einheimischer paddelte heran, verkaufte uns ein paar frische Bananen. Kurz danach ein weiteres Boot — diesmal mit der ganzen Familie an Bord. Der Mann hieß Duncan. Er stellte seine Frau vor, die Kinder, alle mit einem breiten Lächeln. Eine Begrüßung, als würden wir uns seit Jahren kennen.
Jurneys Spanisch rettete den Abend. Mein eigenes? Noch im Aufbau. Freundlich formuliert.
Duncan zeigte uns den kleinen Ort auf der anderen Seite der Bucht. Wir ruderten rüber, betraten ein winziges lokales Restaurant, stellten fest, dass wir die einzigen Gäste waren — und blieben trotzdem. Oder vielleicht genau deswegen.
Der Besitzer selbst setzte sich dazu. Wir warteten auf unser Essen, unterhielten uns, lachten. Und dann kam das Essen.
Lobster. Mit Patacones — Kochbananen, plattgedrückt und frittiert. Dazu ein Drink.
Alles zusammen: $5 pro Person.
Ich habe in meinem Leben deutlich schlechter gegessen. Deutlich mehr bezahlt. Beides gleichzeitig. Dieser Ort kommt auf die Liste — die Liste der Orte, zu denen man zurückkommt. Sobald mein Spanisch es zulässt.
Old Bank, Isla Bastimentos — der Fisch aus eigener Hand
Am nächsten Morgen hoben wir den Anker und steuerten ins Herz des Bocas-del-Toro-Archipels. 27 Meilen weiter, und die SV Anima lag in der Bucht vor Old Bank auf Isla Bastimentos.
Die Ankunft war so ruhig wie der Ort selbst. Malerisch. Entspannt. Die Kulisse wie aus einem Segelmagazin, das man irgendwann vor Jahren in einer Wartezimmer-Auslage aufgeschlagen hatte und nie vergaß.
An diesem Abend gab es keinen großen Plan. Den Fisch, 2 Thunfische die wir auf der Überfahrt gefangen hatten — diesmal hielt die Leine — zubereiteten und aßen. Ich war müde, ehrlich gesagt erschöpft, und ließ die Überfahrt in meinen Knochen sacken. Manchmal ist Nichtstun das Vernünftigste.
Jurney sah das anders. Er schnappte sich ein Wassertaxi, setzte nach Bocas Stadt rüber und feierte den Abend auf seine eigene Art. Keine Kritik.
Bocas Marina — Diesel, Dinghi und Stadtbummel
Am nächsten Morgen tuckerten wir die paar Meilen weiter zur Bocas Marina. Der Dieseltank wollte gefüllt werden — schließlich hatten wir die gesamte Überfahrt von Linton Bay nach Bocas del Toro unter Motor zurückgelegt, mangels Wind. Rund 30 Gallonen hatten wir auf der gesamten Reise verbraucht. Das meiste davon in diesen letzten Stunden.
Direkt neben der Marina liegt das Ankerfeld. Wir warfen dort den Anker, nahmen ein Wassertaxi in den Ort — ein Dinghi habe ich noch nicht, und Jurney hatte wenig Lust auf Kajakfahren.
Bocas Stadt ist lebendig. Auf kleiner Fläche passiert viel: Restaurants, Bars, Hotels, Souvenirläden, Menschen aus aller Welt. Wir schlenderten durch die Gassen, deckten uns mit ein paar Lebensmitteln ein, schauten, was der Ort zu bieten hatte. Am Abend zurück aufs Boot.
Abschied — 903 Seemeilen, 10 Tage, ein Mitsegler weniger
Der nächste Morgen war Jurneys letzter.
Ich begleitete ihn zum Flughafen. Kurze Wege auf so einer kleinen Insel. Und dann hieß es Abschied nehmen.
Zehn Tage. 903 Seemeilen. Kolumbianische Wellen, karibische Nächte, ein Lobster für $5, ein Fisch, der entkam, zwei, die es nicht taten. Zwei Männer auf einer Yacht, die mehr gemeinsam erlebt haben als manche in einem ganzen Jahr.
Was bleibt — und was noch kommt
Zurück auf der SV Anima, wieder allein, begann das Vertraute: Boot in Ordnung bringen, kleine Reparaturen erledigen, Pläne schmieden.
Bocas del Toro ist kein Ort, den man schnell wieder verlässt. Das Archipel hat etwas, das einen festzuhalten scheint — das ruhige Wasser, die grünen Inseln, die entspannte Atmosphäre. Ein echtes Paradies.
Wie es weitergeht? Das liest du im nächsten Artikel.
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Paul – SY ANIMA







Hallo Paul, im Moment haben wir beide unser “Zuhause” gewechselt. Du im Segelboot und ich (und Trudi) auf Curacao. Du hast deine Reise schön beschrieben. Ich werde sicher dein Blog verfolgen. Gruss Arno
Hallöchen Ihr beiden,
Vielen lieben Dank. Euch auch gute Reise wenns dann weiter geht.
LG Paul